Dreimal bei null – vom Blech zum Code
Neulich hat ein YouTuber in einem Video über User-Setups auch mein Homelab gezeigt – und dazu ein paar Fragen gestellt. Wie ich da hingekommen bin. Was ich eigentlich beruflich mache.
Die ehrliche Antwort ist länger als ein Kommentar. Also gibt's sie hier. 😄
Kurz vorweg: Mein Lebenslauf ist kein gerader Strich. Eher eine Zickzack-Linie. Und genau das ist der Punkt.
Wie alles anfing: 40 Stunden C++
2001 – Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration bei der Siemens AG. Programmieren war bei uns Systemintegratoren eher Beiwerk: ein bisschen HTML, ein bisschen Java. Mehr stand nicht auf dem Plan.
Und dann kam die Abschlussprüfung.
Ich war zu der Zeit in der Entwicklung von Boundary-Scan-Tools und Testaufbauten unterwegs, viel im Bereich DSL-Modems. Meine Aufgabe fürs Abschlussprojekt: eine Software, die all diese Test-Tools automatisch einsammelt, prüft, packt und auf den Backup-Server schiebt. In C++. Eine Sprache, mit der ich bis dahin genau null Berührung hatte.
Angesetzt waren rund 40 Stunden. Sprache anschauen, halbwegs verstehen, durchcoden. Fertig.
War das eine Hürde? Und wie. Aber ich hab's geschafft – mit richtig guter Unterstützung der Kollegen dort. Mein erstes „berufliches" Projekt. Und, rückblickend, die erste Runde bei null anfangen.
Raus aus der IT – rein ins Blech
Nach der Ausbildung blieb ich noch ein Jahr bei Siemens. Dann wurde mein Zeitarbeitsvertrag nicht verlängert. Tja.
Nach einem kurzen Abstecher bei einem Subunternehmen der Telekom bin ich in der Metallverarbeitung gelandet – Maschinen- und Gehäusebau. Plötzlich standen da Laseranlagen und Kantbänke statt Server.
Der Plan: nur ein Zwischenstopp. Kurz Luft holen, dann was „Passendes" suchen.
Daraus wurden über 16 Jahre. Und zwar richtig gute. 😅
- Gut 8 Jahre bin ich durch sämtliche Maschinen in der Produktion gegangen.
- Dann der Wechsel ins Konstruktionsbüro.
- Und dort Schritt für Schritt bis zur Leitung der Konstruktion.
Wieder bei null angefangen – wieder hochgearbeitet.
Nebenbei: eine eigene Firma
Weil das offenbar noch nicht reichte, habe ich parallel zur Anstellung mit zwei Partnern eine kleine Werbefirma gegründet. Schneidplotter, Großformatdrucker, das volle Programm – alles selbst finanziert, ohne Schulden. Am Ende gehörten unter anderem eine große Krankenkasse und mehrere Städte zu unseren Kunden.
Nicht schlecht für ein Feierabendprojekt, oder?
Der Moment, in dem es nicht lief
Dann kam privat einiges zusammen, und ein Umzug stand an – und damit auch ein neuer Job.
Mein Gedanke: Ich mache einfach da weiter, wo ich stark bin. Konstruktion bei einem Metallverarbeiter.
Bin ich damit auf die Nase gefallen? Komplett.
Ehrlich gesagt war das ein ziemlich mieser Moment. Aber manchmal ist genau so ein Moment die Tür zu etwas anderem.
Zurück zum Code – nach 20 Jahren Pause
Der Tipp kam aus meinem privaten Umfeld: In einem Betrieb wird ein neuer Entwickler gesucht. „Ruf doch einfach mal an."
Hab ich gemacht. Fünf Monate nach dem Start im neuen Konstrukteurs-Job saß ich im Vorstellungsgespräch – noch in der Probezeit, also konnte ich wechseln. Und das habe ich.
Heute arbeite ich bei einem Dienstleister für Insolvenzverwalter. Was wir genau tun, bleibt hier bewusst etwas unscharf – das bringt die Branche mit sich.
Meine Aufgabe: die Weiterentwicklung der hausinternen Software in C#. Der bisherige Entwickler wollte sich verändern – also: übernehmen, verstehen, weitermachen.
Bei null. Mal wieder. Nach rund 20 Jahren ohne Programmieren.
Wie lernt man das nach 20 Jahren nochmal?
Die ersten drei Monate waren richtig intensiv:
- Lesen, lesen, lesen – Doku, Bücher, Artikel.
- Videos schauen – abends, am Wochenende, wann immer es ging.
- Die vorhandene Codebase verstehen – nicht nur was da steht, sondern warum.
Komplettes Selbststudium einer neuen Sprache. Kein Kurs, kein Bootcamp. Einfach machen.
Nach etwa sechs Monaten habe ich parallel ein zweites Projekt gestartet: eine Software für die Workflows rund um einzulagernde Akten – inklusive der rechtlichen Seite wie Vernichtungsfristen – und eine Lagerverwaltung für unsere drei Großraumlager.
Und genau dieses Projekt hat dazu geführt, dass man mir die Abteilungsleitung „Digitalisierung und Archivierung" angeboten hat.
Heute leite ich damit zwei Abteilungen: die Software-Entwicklung – inzwischen nicht mehr ganz allein, ein Entwickler unterstützt mich nebenberuflich in Teilzeit remote 😁 – und die „Digi". Das Telefon auf meinem Tisch klingelt meistens, wenn Kunden Termine zum Abholen von Akten oder Inventar brauchen. Und manchmal, wenn ein Kollege mit der Software hadert.
Was ich daraus mitnehme
Ich habe mehrmals bei null angefangen. Ausbildung, Blech, eigene Firma, zurück zum Code. Jedes Mal mit diesem Gefühl im Bauch: Kann ich das überhaupt?
Und jedes Mal war die Antwort: Ja – wenn du dranbleibst.
Was mich wirklich freut: Wenn ich die Geschichte erzähle, sehe ich oft, dass sie anderen Mut macht. Der eine oder andere hat danach einen Schritt gewagt, den er sich vorher selbst nicht zugetraut hätte.
Falls du gerade vor so einem Schritt stehst – neuer Job, neue Sprache, neues Feld:
Bei null anfangen ist kein Rückschritt. Es ist ein Anfang.
Danke fürs Lesen – und passt auf euch auf! ✌️